Alte 6ema(te
^Bauernmöbel
JOSEF M.RITZ
ALTE BEMALTE
BAUERNMÖBEL
MAPPEN-AUSGABE
VERLAG HERMANN RINN/MüNCHEN
Das Bemalen von Bauernmöbeln ist ein Teil einer großen Bewegung volkstümlich
farbigen Gestaltens, das zeitlich und landsdiaftlidi bedingt und bestimmt ist. Das
ausgehende Mittelalter, das einen kräftigen Einschuß volkhaften Geistes in seiner
Gesamtkultur aufv^'eist, offenbart Neigungen zur Ausbreitung volkstümlicher Ma-
lerei auf neue Gebiete. Es kündet sich beispielsweise das Votivbild an, und man be-
ginnt Holzwerk verschiedener Zweckbestimmung mit Mitteln der Zeichnung und
Farbe in neuartiger Weise oder wenigstens in ungewohntem Umfange zu schmük-
ken. Das 17. Jahrhundert verstärkt diese Bewegung — Bemalung von Bauernmöbeln setzt ja nun in
stärkerem Maße ein — und das 18. Jahrhundert führt sie namentlich in der zweiten Hälfte, im Zu-
sammenhang mit einem allgemeinen Hochstand deutscher Volkskunst, ihrem Gipfelpunkt zu. Ober die
Jahrhundertwende dauert diese Kraft und Breite volkstümlicher Malerei und weitet sidi in manchen
Landschaften sogar innerlich und äußerlich noch aus, um allgemein gegen die Mitte des Jahrhunderts
ziemlich rasch abzuklingen.
Eine große Lust am farbigen Schmücken und Darstellen hatte damals die Bauern und verwandte Volks-
kreise ergriffen. Zur vielformigen Möbelmalerei gesellen sich Hinterglasbilder, emailbemalte Gläser und
verzierte, farbige Hafnerware. Im bayerischen Oberland und Tirol legen Bauernhäuser festlichen Fresken-
schmuck an und in ihren Innenräumen leuchten nicht selten farbigeBilder und Zierate von Vertäfelungen und
Decken. Auch das Kleingerät und Arbeitszeug, wie Hauben- und Bänderschachteln, BrautschafTe und an-
deres, schmückt sich, und es gibt sogar eine Art von bäuerlicher Miniatur, die sich in geschriebenen Gebet-
büchern, Glückwunsch- und Liebesbriefen und ähnlichem auslebt. Das volkstümliche Malen ist also eine
machtvoll zwingende Bewegung, die vom Wesen des Barock stark befruchtet wird, sich aber aus ihm allein
nicht erklären läßt. Sie müßte ja sonst landschafdich unbegrenzt sein. Es hat jedoch nicht das gesamte
deutsche Volksgebiet gleichmäßig an ihm teil. Eine Grenze läßt sich beispielsweise ziehen, westlich der im
allgemeinen das Bauernmöbel nicht bemalt wurde. Sie fängt im Südwesten in der Schweiz an, fällt hier
ziemlich scharf mit der Sprachgrenze zwischen Deutsch und Welsch zusammen ; dann läuft sie etwa dem
Rhein entlang, wobei aber im Elsaß und in der Pfalz das bemalte Möbel keineswegs gänzlich unbekannt
ist, denn eine solche Grenze stellt keine Linie, sondern einen Landschaftsstreifen dar. In Mitteldeutschland
biegt sie nach Osten ab, fällt dann ungefähr mit dem Südrand niedersächsischen Volkstums zusammen, um
in nordösdicher Richtung weiterziehend schließlich das slavische Land zu erreichen. Thüringen, Sachsen,
die Lausitz und Schlesien liegen also diesseits derselben. Dehnt sich das Gebiet der Möbelmalerei weithin,
so sind als Kernlandschaften derselben die Alpen und ihr Vorland, Altbayem und Tirol vor allem zu nen-
nen. Auch Franken kann vernehmlich mitsprechen, und im Norden nehmen Sachsen und Schlesien eine
bedeutsame Stellung ein.
Der Braudi der Möbelmalerei beginnt nicht überall zu gleicher Zeit. Im bayerisch-alpenländischen Gebiet
setzt er beispielsweise früh, schon mit dem ausgehenden Mittelalter ein. Genauere Angaben darüber
bringt die größere Ausgabe dieses Werkes. In der ersten Zeit kann man von eigendicher Malerei noch nicht
sprechen, es ist alles mehr linear-zeichnerisch, zuweilen hingeschrieben mit einer beneidenswerten Sicher-
heit und Freiheit der Hand, öfters mit der Schablone aufgetragen. Die Farben sind schwarz, zum Teil rot
und stehen auf dem natürlichen Holzgioind. Aber schon im Laufe des 17. Jahrhunderts beginnt sich die
Farbe flächenhaft auszubreiten und mehr Töne anzuwenden; zu Schwarz und Rot treten Graublau, Weiß
und Grün. Die Gesamthaltung bleibt dabei gedämpft, der Pinselstrich zeichnerisch. Das Ornament — Ara-
besken, Architekturmotive — , aus der Einlegearbeit herübergenommen, kommt solcher Art entgegen. Der
Grund ist dabei nach wie vor das Blankholz. Doch die Entwicklung strebt weiter. Qie Farbe ergreift den
Grund, und damit ist ein sehr wichtiger Schritt getan. Dem ländlichen Malerwardie Zunge gelöst, man wurde
weniger abhängig vom Möbelkörper und vom tektonisdien Gliederungssdiema, ein freieres Spiel über die
Fläche hin war möglich, eine Verzauberung setzte ein, die aus Brett und Holz unter Überwindung des
Werkstoffes — etwa mittelalterlicher Innenraumbemalung im Verhältnis zur Mauer vergleichbar — etwas
ganz anderes, Kostbares maciite. Zugleich war der Anstoß für landschafdiche Sonderentwicklung gegeben,
die den Formenreichtum der Stämme und Volksschläge zu erkennen gibt. Das Tölzer Bett von 1655 zeigt
in seiner kraftvoll gehaltenen Art den Frühzustand dieser neuen Entwicklung. Unter dem Einfluß der
Barock- und Rokokozeit hellt sich die Farbe auf und lockert sich das ganze Gefüge. Blau als Grund tritt
weithin in seine Rechte, dem Rot als erste Gegenfarbe entspricht. Freilich ist das kein unabänderlidies
Gesetz. In der Rhön z. B., die eine interessante Möbelmalerei kennt, wird viel Weiß zum Blau verwendet;
der Odenwald kennt zinnoberroten Grund. Die beliebte bräunliche Maserierung leitet sich vom Nußbaum-
möbel der Barock- und Rokokozeit ab; das Graugrünlich Schwabens hängt mit klassizistischen Einflüssen
zusammen. Sachsen wirkt bei aller Feurigkeit der Farben doch meist gehalten und altertümlich, wie auch
sein Schrankkörper konservativ bleibt. Schlesien hingegen bringt eine ganz eigene Note und setzt in schar-
fen, fast harten Gegensätzen rote, blaue und weiße Flächen geometriscfi gegeneinander. Auch Gliederungs-
sdiema, Dichte der Flächenfüllung und die Zierate sind ja landschafdich verschieden. Gewisse Ordnungs-
gewohnheiten, wie z. B. der Vierfelderschrank, herrschen zwar weithin, aber es gibt mancherlei Möglich-
keiten, die Füllungen rokokoartig aufzulösen oder sie durch überall ausgestreuten Zwisdiensdimuck zu
einer einheidich überspielten Fläche zu machen. Verschiedene Mittel führen hier zum gleichen Ziele. Be-
sonders die späten Tölzer Schränke mit ihren leuchtend roten, weißgehöhten Rosen auf blauem oder
grünem Grund verstehen eine durchschlagende Wirkung zu erzielen. Sie gehören überhaupt zu den besten
Bauernmöbeln und erreichen abgelöst vom Zeitstil eine wesenhafte Eigenständigkeit. Näher barockem
Wesen steht eine andere hervorragende Gruppe von Möbeln, die in Oberösterreich und Salzburg behei-
matet ist und die reichste Flächenfüllung pflegt. Sie verwendet auch gerne Figürliches, das im ganzen Süden
beliebt ist und nicht selten feinste Blüten der Volkskunst hervortreibt. Es sind Einzelfiguren oder ganze
Genreszenen, die dargestellt werden. Erstere, weltlicher Art, wie Bauer, Bäuerin, Flößer sind in Franken
beliebt; in Oberösterreich und Salzburg ist es der Reiter oder eine Soldatenfigur, die häufig wiederkehrt.
Ganze Szenen weltlicher oder geistlicher Bedeutung begegnen uns besonders in den bayrischen Bergen. Es
sind auch einige Namen volkstümlicher Maler bekannt geworden, wie die Böheim aus Miesbach-Aibling
oder Johann Nepomuk Pichler aus Sdiliersee. Während sonst die Schreiner meist zugleich Maler sind —
auch Frauen helfen dabei mit — waren jene Spezialisten, die alles schmückten, was ihnen unter den Pinsel
kam, von der Hauswand und der Täfelung bis zum Möbel und Votivbild. Von Pichler ist ein Himmelbett
aus dem Jahr 1778 erhalten, das zu den reizvollsten Werken der Volkskunst gehört. Auf dem Kopf- und
Fußbrett finden sidi religiöse Darstellungen, die Seitenteile sind mit weklichen Szenen geschmückt —
Hochzeitsschmaus und Tanz, die in ihrer bühnenmäßigen Wirkung vielleicht vom Volkstheater beein-
drudct sind. Ihre marionettenmäßig liebenswürdige Steifheit ist freilich volkstümliche Kunst schlechthin,
jene abgekürzte Art von echter innerer Kindlichkeit, die man heute nicht nachmachen kann, weil die Vor-
aussetzung hiezu verloren gegangen ist. Mit lockerer, sicherer Hand ist alles hingesetzt, Figur oder Orna-
ment, mit unbedingter Erfüllung des künsderischen Gesetzes. Leisten und Profile sind oft von einem ent-
zückenden Marmor bedeckt, der in seiner lustigen Unbekümmertheit zuweilen an spätgotische Kirchenaus-
malungen Altbayems erinnert. Das Hauptmotiv aller Zier des Bauemmöbels in Nord und Süd ist aber die
Blume, unnaturalistisch und doch voll geheimen Lebens, in immer neuer Abwandlung und oft zu Sträußen
in einer Vase vereinigt. In leuchtender Farbe klar in der Fläche ausgebreitet, manchmal zu einer großartig
unwirklichen Blüte ausgebildet, ist sie ein Sinnbild jenes künsderischen Geheimnisses, das auch die Volks-
kunst in sich trägt.
INHALT
I. Ostfränkisdier Behälter (Brotsdirank) aus dem späten
17. Jahrhundert. Fiditelgebirgsmuseum in Wunsiedel.
II. Himmelbett von 1655, Tölzer Art. Bayerisches Natio-
nalmuseum in München.
III. Tiroler Schrank aus dem Alpachtal, zweite Hälfte des
18. Jahrhunderts. Bayerisches Nationalmuseum in
München.
IV. Tiroler Schrank aus Kematen im Oberinntal, um 1770.
Tiroler Volkskunst-Museum in Innsbruck.
V. Oberösterreichisdier Sdirank aus dem späten 18. Jahr-
hundert. Oberhaus-Museum in Passau.
VI. Mittelschwäbisdier Schrank von 1778. Im Kloster-
museum zu Ottobeuren.
VII. Wand vertä fei ung einer Stube aus dem Tannheimertal
(tirolisdi-allgäuisches Grenzgebiet), 2. Hälfte des
18. Jahrhunderts. Bayerisches Nationalmuseum in
München.
VIII. Schrank aus der Sächsischen Lausitz von 1788. Oskar-
Seyffert-Museum in Dresden.
IX. Vertäfelte Stube von 1816 aus Eggenthal, in der Art
des F. X. Boos aus Baisweil. Heimatmuseum in Kauf-
beuren.
X. Allgäuer Wiegen, rechts von 1805, links von 1780.
Heimatmuseum in Kaufbeuren.
XI. Tölzer Schrank von 1835. Im Stadt- und Kreismuseum
in Landshut.
XII. Tölzer Bett von 1820-30, Fußbrett. Bayerisches Natio-
nalmuseum in München.
XIII. Feuchtwanger Schrank von 1831. Privatbesitz in
München.
XIV. Schrank aus der Baar von 1833. Augustiner-Museum
in Freiburg i. Br.
XV. Lausitzer Schrank von 1824. Museum für deutsdie
Volkskunde in Berlin.
XVI. Schlesisdier Brotalmer (Vorderwand) aus Boberröhrs-
dorf (Kreis Hirsdiberg), Anfang des 19. Jahrhunderts.
XVn. Truhe von 1790. Heimatmuseum zu Ruhpolding bei
Traunstein.
XVIII. Zillcrtaler Truhe von 1820. Tiroler Volkskunst-
Museum in Innsbrudc.
XIX. Flößertruhe um 1 830, Vorderwand. Heimatmuseum zu
Kronadi.
XX. Kommode um 1800, Tölzer Art (?). Privatbesitz in
Mündien.
XXI. . Pommerscher Brautstuhl aus Jamund, 1. Hälfte des
19. Jahrhunderts. Museum für deutsche Volkskunde in
Berlin.
XXII. Bayerisch-österreidiische Stuhllehnen von 1851 (Mitte)
bzw. aus dem früheren 19. Jahrhundert. Bayerisches
Nationalmuscum in München.
XXIII. Allgäuer Edcwandschränkdien um 1800. Heimat-
museum in Immenstadt.
XXIV. Malerei auf einem Bett von 1778. Im Bayerischen
Nationalmuseum zu München. Gemalt von Johann
Nepomuk Pichler aus Schliersee.
XXV. Brauttrühelein aus dem 17. Jahrhundert; runde Braut-
schachtel aus dem 18. Jahrhundert; Berchtesgadener
Spanschachtel aus dem 19. Jahrhundert. Alle im Baye-
rischen Nationalniuseum in München.
XXVI. Tiroler Wasserkübel von 1840 für Tragtier. Bayerisches
Nationalmuseum in München.
PubKshed under Military Government Information Control License Nr. US-E-i61.
Druck von F. Bruckmann KG., München.
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Tölzer Bett von 1820—30, Fußbrett
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